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Stefan Zweigs "Amerigo: Historischer Roman" (auch bekannt als "Amerigo: Die Geschichte eines historischen Irrtums") ist eine literarische und historische Untersuchung über eine der bekanntesten Namensgebungen der Weltgeschichte. In diesem Werk widmet sich der oesterreichische Schriftsteller den Umständen, die dazu führten, dass der Doppelkontinent Amerika nicht nach Christoph Kolumbus, sondern nach dem Florentiner Seefahrer und Kaufmann Amerigo Vespucci benannt wurde. Zweig rekonstruiert mit akribischer Genauigkeit die Ereignisse an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, dem Zeitalter der grossen Entdeckungen.
Das Buch beginnt mit der Fahrt von Kolumbus im Jahr 1492. Kolumbus stirbt in dem festen, aber irrtümlichen Glauben, den westlichen Seeweg nach Indien gefunden zu haben. Hier setzt Zweigs Darstellung an: Amerigo Vespucci, der wenige Jahre später den Ozean überquert, erkennt als Erster die reale Natur der entdeckten Landmassen. In einem Brief, der unter dem Titel "Mundus Novus" in ganz Europa zirkuliert, formuliert er die These, dass es sich um einen völlig neuen Kontinent handeln müsse. Zweig legt dar, dass es nicht Vespuccis eigene Ruhmsucht war, die zur Benennung führte, sondern ein Zusammenspiel von Zufällen, Missverständnissen und der rasanten Entwicklung des Buchdrucks.
Zweig beschreibt den geopolitischen Hintergrund jener Epoche. Die iberischen Mächte Spanien und Portugal teilten die neu entdeckten Gebiete gemäss dem Vertrag von Tordesillas unter sich auf. In diesem Klima der Geheimhaltung florierten Berichte und erfundene Reisebeschreibungen. Vespucci unternahm seine Seereisen unter spanischer und portugiesischer Flagge. Seine nautischen Fähigkeiten erlaubten es ihm, die Küstenlinie Südamerikas zu kartieren. Zweig schildert, wie Vespucci durch seine Berechnungen bewies, dass die Landmasse weit nach Süden reichte, was die Theorie eines neuen Kontinents stützte. Vespuccis belegte Beobachtungen über Flora, Fauna und die indigene Bevölkerung Südamerikas weckten das Interesse des europäischen Publikums weitaus mehr als die nautischen Berichte eines Kolumbus.
Im Zentrum der Namensgebung steht der Kartograf Martin Waldseemüller aus Saint-Dié in den Vogesen. Waldseemüller gehörte zum "Gymnasium Vosagense", einer Gruppe von humanistischen Gelehrten, die sich der Erneuerung des geografischen Wissens verschrieben hatten. Diese Gelehrten lasen Vespuccis Berichte und waren von dessen wissenschaftlichen Schlussfolgerungen restlos überzeugt. In ihrer Begeisterung für die humanistische Bildung und die Verbreitung neuen Wissens nutzten sie die von Johannes Gutenberg erfundene Druckkunst, um ihre Weltkarte in hoher Auflage zu publizieren. Waldseemüller ist es, der 1507 diese Karte ("Universalis Cosmographia") sowie eine Begleitschrift veröffentlicht, in der er den neuen Kontinent "America" tauft - zu Ehren von Amerigo Vespucci, den er fälschlicherweise für den alleinigen Entdecker hält. Zweig macht deutlich, dass diese technologische Neuerung des Buchdrucks der Faktor war, der die Namensgebung besiegelte.
Die präzise Recherche und die klare Sprache machen das Buch zu einem festen Bestandteil der historischen Literatur. Es richtet sich an ein Publikum, das sich für Weltgeschichte, Seefahrt, die Renaissance und die Kulturgeschichte des Buchdrucks interessiert. Durch die Darstellung der diplomatischen, wirtschaftlichen und geografischen Verwerfungen jener Zeit zeichnet Zweig ein umfassendes Panorama Europas und der entdeckten Welten. Die Lektüre ist informativ für alle, die verstehen wollen, wie aus einem kartografischen Fehler ein Kontinent seinen Namen erhielt. Zweigs Werk bleibt eine zeitgeschichtliche Warnung vor der unkontrollierbaren Eigendynamik von Informationen. "Amerigo" steht für die erzählerische Kraft Stefan Zweigs und seine Suche nach historischer Gerechtigkeit und faktischer Klarheit.